Ein offener Brief eines hochrangigen RIM Mitarbeiters

Von Hendrik | Juli 6th, 2011 | Keine Kommentare »

Ist RIM auf dem richtigen Dampfer? Man könnte wohl ein ganzes Buch über dieses Thema schreiben und je nach Betrachtungsperspektive könnte man zu unterschiedlichsten Ergebnissen kommen. Ich glaube an den BlackBerry und deshalb nutze ich nun seit etwa 4 Jahren BlackBerrys. Welche brauchbaren Alternativen gibt es auf dem Markt? Dennoch ist nicht alles Sonnenschein. Das meint auch ein vorgeblich hochrangiger RIM Mitarbeiter, der sich nicht namentlich zu erkennen geben mag. Dieser Mr. X hat einen Brief verfasst, der zunächst auf BGR erschien. Im folgenden die Übersetzung dieses “offenen Briefs an die RIM Führungsetage” auf Deutsch übersetzt. Im speziellen richtet dieser anonyme RIM Mitarbeiter den Brief an Jim und Mike, die CEOs von RIM:

An das RIM Senior management Team:

Ich habe die Zuversicht verloren

Ich verberge das während der Arbeit, aber meine Leidenschaft wurde an die kurze Leine gelegt. Ich weiß ich bin nicht allein – dieses Gefühl ist weit verbreitet und betrifft auch Leute in Euren Teams.

Mike und Jim, bitte nehmt Euch die Zeit und lest und reflektiert den Inhalt dieses Briefs, denn er reflektiert das Gefühl eines Großteils der Mitarbeiterbasis. Ihr habt schlaue Mitarbeiter, viele davon haben großartige Ideen für die Zukunft, aber leider erlaubt es die RIM Firmenkultur nicht offen darüber zu sprechen, ohne die Karriere zu riskieren.

Bevor ich ans Eingemachte geh, möchte ich sagen, dass ich nicht Teil einer Gruppe verbitterter Mitarbeiter bin mit dem Ziel uns zu verunglimpfen. Viel mehr denke ich, dass diese Punkte gehört werden müssen und ich möchte wirklich, dass RIM wieder erfolgreicher Marktführer wird. Unsere Mobilfunkunternehmenspartner, Zwischenhändler, Allianzpartner, Firmenkunden und unseren loyalen Endkunden wollen alle das gleiche…. dass BlackBerry wieder das Feld anführt.

Wir befinden uns in der Mitte einer großen “Übergangsphase” [Anmerkung: Umstellung auf QNX] und die Dinge waren niemals chaotischer. Nahezu jedes Projekt fällt weiter und weiter hinter den Zeitplan zu einem Zeitpunkt an dem wir großartige, solide Produkte pünktlich bieten müssten. Wir bitten Euch große Entscheidungen zu fällen bezüglich unserer Organisationsstruktur, über unsere Firmenkultur und, am wichtigsten, über unsere Produkte.

Während wir ungeduldig darauf warten die Details der geplanten Veränderungen zu sehen, hier ein paar Vorschläge:

1.) Fokus auf den Endnutzer

Lasst uns fokusieren auf das was am besten für den Endnutzer ist. Wir treffen oft Entscheidungen im Hinblick auf strategische Ausrichtung, Wünsche der Partner oder sogar aufgrund Rechtsgutachten – aber das interessiert den Endnutzer nicht. Wir müssen einfach zugeben, dass Apple es richtig macht und genau das ist der Grund warum bei denen die Leute Nachts Schlange stehen in der ganzen Welt und warum derren Produkte ausverkauft sind. Das sind keine hypnotisierten Zombies, sie mögen einfach nur wunderschöne Produkte, die sich um den Nutzer drehen und die so funktionieren, wie sie funktionieren sollten. Android hat eine bedeutende Schwäche – ihm wird immer die Einfacheit und die Eleganz fehlen, die man durch Geräte zu Geräte Software, Middleware und Hardwarekontrolle erreicht. Wir haben nun die Möglichkeit etwas neues und “einzigartig BlackBerryartiges” zu erschaffen mit der QNX Plattform.

Lasst uns die interne Innovationsfähigkeit wiederbeleben, indem Teams sich ansehen was die Nutzer lieben, anstatt zu versuchen der Konkurenz bei der Anzahl der Funktionen hinterherzurennen und Funktionen anzubieten, für die es keine gute Begründung gibt (wie beispielsweise Adobe Flash). Wann war es das letzte mal, dass wir eine wesentliche neue Erfahrung oder Funktion geboten haben, die es noch nicht auf anderen Plattformen gab?

Anstatt ständig über das iPhone und Android zu lästern, sollten wir alle Entscheidungsträger ermutigen diese Geräte für etwa Woche zu nutzen – ja, im Austausch [für die BlackBerrys]! Dadurch können wir verstehen warum unsere Nutzer wechseln und Inspirationen einfangen wie wir die nächste Generation unserer Geräte noch weiter verbessern können! Es ist unverständlich, dass unsere Top Softwareingenieure und Manager die Konkurenzprodukte nicht nutzen oder zumindest ausführlich kennen.

2.) Rekrutiere Senior Softwareexperten & ermögliche Entscheidungen

Ich sage jetzt was jeder denkt…. Wir brauchen ein paar echte Anführer bei RIM, wenn wir über das Softwaremanagement reden. Die Teams reden nicht richtig miteinander, niemand macht oder könnte kritische Entscheidungen machen, während gleichzeitig jeder Überstunden wie verrückt macht und wir dennoch zurückliegen. Wir sind demotiviert. Schaut einfach wer unsere Hauptkonkurenz ist: Apple, Google & Microsoft. Das sind die drei größten und talentiertesten Softwarefirmen auf dem Planeten. Dann schaut auf unsere führenden Softwareteams und was sie erreicht haben. Vergleicht das mit dem, was sie zuletzt vor RIM erreicht haben…. Das sagt alles.

3.) Kümmert Euch nur um Kernfunktionalitäten

Es ist wirklich nötig unseren Fokus zu Konsolidieren auf eine handvoll Projekte. Punkt.

Wir müssen hier diszipliniert sein. Wir können uns keine weiteren Programme leisten auf Anforderung von Mobilfunkanbietern noch etwas mehr Menge herauszuquetschen. Zurück zu Punkt #1, Fokus auf den Endnutzer. Er ist es der Konsumenten- und Business- Einkaufsentscheidungen trifft.

Strategie ist oft die Entscheidung etwas nicht zu tun.

In diesem Zusammenhang müssen wir einfach aufhören Produkte auszuliefern, die noch nicht fertig für den Endnutzer sind. Das nagt gewaltig an unserem Image. Es benötigt Eier eine Produktveröffentlichung eines 90% fertigen Produkts nicht zu erlauben, während das Quartalsende naht, aber es wird sich langfristig auszahlen.

Schaut auf Apple im Jahre 1997 für Tipps dazu. Ich möchte wirklich, dass Ihr dieses Video anschaut, denn es war niemals so relevant. Es ist unser Freund Steve Jobs im Jahr ’97 und es könnte genausogut Du sein, heute beim Gespräch mit RIM Mitarbeitern und Geschäftspartnern.
https://www.youtube.com/watch?v=3LEXae1j6EY

4.) Entwickler, nicht Mobilfunkanbieter können uns helfen oder das Genick brechen.

Wir müssen dringend in ein entwicklerfreundliches System investieren wie noch nie zuvor. Die Gewinne werden jeden Cent wert sein. Es gibt da keinen höflichen Weg das zu sagen, aber es ist wahr – BlackBerry Apps stinken. Sogar das Playbook, mit allem Glanz und Glorie, sieht aus wie ein Fischer Price Spielzeug mit seinen Adobe AIR/Flash Apps.

Für den BlackBerry zu entwickeln ist schmerzhaft, und egal was Euch auch immer gesagt wurde, die Dinge haben sich seit Jamie Murai’s Mitteilung nicht viel geändert. Unser SDK / Entwicklungsplattform entspricht einem heruntergekommenen 1990er Ford Explorer. Und dann ist da Apple mit seinem glänzenden BMW M3… einfach großartig zu fahren. Entwickler wollen und brauchen hochwertiges Entwicklungswerkzeug.

Wenn wir großartiges Werkzeug entwickeln, werden wir großartige Arbeit sehen. Biete Mist-Werkzeug an und wir sollten nicht überrascht sein wenn wir Mist-Anwendungen sehen.

Die Wahrheit ist, niemand innerhalb RIM traut sich dem Management zu sagen wie schlecht unser Werkzeug immernoch ist. Sogar unsere nächsten Entwicklerpartner tun ihr bestes es höflich zu sagen und sie werden nie die Hand beißen, die sie füttert. Die Lösung? Stellt fähige Talente ein, kauft SDK/API Spezialfirmen ein, werft eine LKW-Ladung Geld auf das Problem…. Lasst uns tun was auch immer nötig ist, und das schnell.

5.) Ein ordentliches Marketing, um das Verlangen der Endnutzer anzuheizen

25 Millionen iPad Nutzern ist es egal ohne Flash oder echtes Multitasking zu leben, also warum ist das ein Fokus unserer Kampagne? Ich werde das für Euch beantworten: Weil das alles ist was unsere Produkte besonders macht und dessen verschlafenes Marketing. Ich hab noch niemanden gesehen, der Produkt B kauft, weil Produkt A es nicht hat. Leute kaufen B, weil sie B wollen und es verlangen.

Und noch eine wichtige Mitteilung an unser Marketing: Die technische Überlegenheit eines Produkts ist nicht das gleiche wie Verlangen, und somit Verkäufe… Wie viele Linux Notebooks werden verkauft? Wie erging es Betamax? Meine Mutter will ein iPhone und ein iPad weil die so einfach sind und sie ihr gefallen. Mächtiges Multitasking schafft das nicht.

Der BlackBerry Messenger war immer unsere Besonderheit, dennoch haben wir unser Marketing auf obskure Geschichte aus einem Herrensalon und eines Pferdedresseurs verschwendet. Ich verspreche Euch, das hat uns keinen Schritt weiter gebracht bei dem Durchschnittskunden.

Wir brauchen eine erfinderische und mitreißende Kampagne, die sich darauf konzentriert was wir sind. Leute kaufen ein Produkt nicht wegen der Marke oder den Funktionen, sondern wofür es steht und was es ihnen bringt. Leute kaufen nicht “was Du machst”, Leute kaufen “warum Du es machst”. Nehmt Euch 3 Minuten, um dieses Video anzusehen, beginnend bei Minute 2: http://www.youtube.com/watch?v=qp0HIF3SfI4

6.) Keine Verantwortung – Kanadier sind zu nett

RIM hat einige Leute, die zu wenig leisten aber dennoch in ihren Positionen bleiben. Niemand ist verantwortlich. Wo ist der Mensch, der für die 9530er Software zuständig ist? Immernoch bei uns, immernoch damit beschäftigt irgendeine wichtige Softwareinitiative zu leiten. Mit dieser Kultur kommen wir nirgendwohin. Nur weil jemand ein loyaler RIM Mitarbeiter war in den letzten 7 Jahren, jeißt das nicht, dass er der beste Manager oder Direktor ist. Die Kultur muss sich ändern in Richtung “Liefern oder Raus”. Wir haben zu viele Leute in entscheidenden Positionen auf die diese Beschreibung zutrifft. Ich kann nun den Applaus meiner Mitarbeiter hören.

7.) Die Presse und Analysten nerven Euch. Knickt nicht ein. Es ist der Zeitpunkt für etwas Demut mit einem Tick Paranoia.

Die Fragen der Öffentlichkeit bezüglich dem CEO-Doppelgespann sind berechtigt. Die Partnerschaft ist nicht zerbrochen, aber ineffizent. Vielleicht brauchen wir eine Eric Schmidt Herschaftsperiode.

Ja, vor 4 Jahren haben wir Microsoft geschlagen, als jeder sagte Windows Mobile mit DirectPush in Exchange wird uns töten. Das tat es nicht… im gegenteil, wir wurden stärker.

Jedoch, Über-Selbstvertrauen vernebelt gute Entscheidungsfindung. Wir verpassten es nicht deutlich auf die Gefahr des iPhones zu reagieren, als wir es im januar vor 4 Jahren sahen. Wir lachten und sagten, sie versuchen einen Computer auf ein Handy zu packen, dass es nicht funktionieren wird. Damals hätten wir auf QNX umsteigen sollen. Jetzt sind wir 3 bis 4 Jahre zu spät. Das ist die schmerzhafte Wahrheit… es ist ein wesentliches strategisches Versäumnis und wir wissen wer verantwortlich ist.

Jim sagte kürzlich bezogen auf unsere aktuelle Umstellungsphase: “Außer Apple hat noch keine Technologiefirma ihre Plattform umgestellt. Es wird fast nie gemacht, und es ist viel schwerer als man denkt. An so einer Umstellung gehen Technologiefirmen zu Grunde.”

Um diesen Tod zu vermeiden, sollten wir vielleicht über einen neuen, frischen, erfahrenen CEO nachdenken. Es ist keine Schande kein CEO mehr zu sein. Mike, Du könntest Dich um Innovationen kümmern. Jim könnte sich um unsere Kunden und Mobilfunkpartner kümmern… Sie sind unsere Lebensader.

8.) Demokratisierung. Kommt in Kontakt mit Euren Mitarbeitern – bitte!

Fragt alle unsere Mitarbeiter wie man RIM besser machen könnte. Ermutigt Input auch von einfachen Teams – ohne Folgen für derren Karriere – um ehrliche Meinungen zu bekommen und denkt dann wriklich drüber nach.

Zuletzt, wir lesen alle die Nachrichten und viele sind sehr nervös, besonders wenn wir gekündigte Leute sehen. Wir brauchen einen Schub Sicherheit: Teilt Eure Strategie mit und bittet um unsere Unterstützung. Die Headhunter kreisen schon und wir riskieren unsere besten Leute.

Nun wäre ein guter Zeitpunkt uns intern neu auszurichten und neue Energien einzufangen. Beispielsweise könnten wir uns ab nun nur noch “BlackBerry” nennen, um so unseren Fokus auf die QNX Produktlinie auszudrücken. Wir sollten uns auch um die Frage kümmern, dass RIM ein angenehmer Arbeitsplatz wird. Einige unserer Büros könnten direkt aus der Sovietunion kommen.

Der Zeitpunkt ist perfekt, um unsere Position zu evaluieren und große Veränderungen anzuschieben. Wir können!

Hochachtungsvoll,

Ein RIM Mitarbeiter

Das wird wohl noch Wellen schlagen. Was meint Ihr dazu? Ich würde gerne Euren Kommentar dazu hören.

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